Denn Mercedes war seit den 50er Jahren eine feste Größe im Rallyesport. Und Formel-1-Pilot Valtteri Bottas lässt diese Tradition im britischen Niemandsland zumindest einmal kurz aufleben. Der Finne sitzt entspannt in einem silber-schwarzen Mercedes 500 SL aus dem Jahre 1980 und wartet mit angespannter Drehzahl auf das Startsignal. Der kurvige Handlingparcours auf der Rennstrecke von Silverstone stellt den schnellen Formel-1-Piloten vor keinerlei Probleme. Bottas trägt ein Shirt, Teamhose und ein Basecap - er grinst frech herüber und drückt das rechte Pedal etwas tiefer, während sich der Drehzahlmesser an die 4.000er-Marke schraubt. Die Flagge fällt, ein Tritt aufs Gas und der 500er spurtet mit qualmenden Reifen los, Bottas schaltet in den zweiten Gang, bremst an und zischt um die erste Linkskurve. Finnische Rennfahrer und Rallyes - das gehört einfach zusammen. Doch bei Valtteri ist es anders. "Einmal in meinem Leben bin ich eine Rallye gefahren", erzählt der rasende Finne, der den knapp 1,6 Tonnen schweren Renner der Baureihe R 107 im Drift um die nächste Kehre wuchtet, "aber mich haben Rennwagen und Rundstrecken immer mehr interessiert." Anmerken tut man ihm das nicht, denn der Luxusroadster, der kaum als sonst scheint, tänzelt im Rallyetrimm beinahe im Walzerrhythmus um die Pylonen. "Diese Schaltung ist schon verrückt", lächelt Valtteri Bottas, als er vor der nächsten Kurvenkombination wieder manuell herunterschaltet, "das ist eine Viergangautomatik, die nur automatisch kuppelt. Die Gänge muss man selbst einlegen." Sagt’s und lässt das pausbäckig ausgepumpte SL-Hinterteil mit den breiten Rallyewalzen ein weiteres Mal auskeilen, während ein Teil der Pneus in Qualm aufgeht.

Mercedes hat in seiner Historie nicht nur Geschwindigkeitsrekorde erzielt, Rennen wie die Mille Miglia, Le Mans oder die Formel-1-Weltmeisterschaft gewonnen. Es gab Zeiten, da waren die Sternenkrieger bevorzugt und überaus erfolgreich auf den Rallyepisten in aller Welt unterwegs. Dabei mag es überraschen, dass dabei nicht nur die großen Limousinen, sondern insbesondere die Luxuscoupés von sich reden machten. Den Rallye-SL, den Valtteri noch immer über den britischen Handlingskurs driften lässt, ist ein modifizierter Mercedes 500 SL aus dem Jahre 1980. War man in den Meisterschaften zunächst mit der langen Coupéversion des 107er-SLC unterwegs, stieg man Ende 1980 schließlich auf den wendigeren Roadster um, dessen Hardtop fest mit der Karosserie verwoben wurde. Eine spürbare Modifikation gab es für den fünf Liter großen V8-Einspitzer, der statt der üblichen 240 PS im Rallyetrimm 300 PS leistet. Der 450er SLC brachte es gar nur auf 227 trampelnde Pferde. Für den Rallyeeinsatz war das Gewicht trotz Zusatzausstattung wie Scheinwerfer, Überrollkäfig und Renntank um 230 Kilogramm reduziert worden. Dafür war es mit der Höchstgeschwindigkeit nicht weit her. Je nach Übersetzung der Hinterachse, die auf die entsprechende Rallyestrecke abgestimmt war, reduzierte sich das normale Maximaltempo von gut 240 auf nur noch 180 km/h. Das 80prozentige Sperrdifferenzial tut auch heute noch sein Übriges, damit Valtteri im 500er SL in engen Kehren die üppige Leistung auf die Fahrbahn zaubern kann.

Bottas kann dabei zeigen, was den Mercedes-Piloten in der Rennsaison 1981 vorenthalten blieb. Denn der Stuttgarter Autobauer zog sich etwas überraschend trotz umfangreicher Planungen, einem neu entwickelten Fahrzeug und verpflichteten Spitzenfahrern wie Walter Röhrl noch vor Saisonbeginn aus der Rallye Weltmeisterschaft zurück. So konnte der scharf gemachte R 107 nicht an die Erfolge des 450 SLC mit dem verlängerten Coupéradstand anknüpfen, die dieser in den Jahren 1978 bis 1980 - unter anderem mit so bekannten Rallyepiloten wie Sobieslav Zasada, Andrew Cowan, Timo Mäkinen oder Björn Waldegaard erreichte. Auch in den Jahrzehnten zuvor hatte Mercedes durch eher ungewöhnliche Rallyeboliden bei den verschiedenen Meisterschaften auf sich aufmerksam gemacht. Das galt zum Beispiel für den Dauerläufer Mercedes 190 D Ende der 50er Jahre oder den offenen Sportwagen des 150 PS starken Mercedes 230 SL, der als Roadster mit Pagodendach an sich nichts mit dem Motorsport gemein hatte, sondern als Nachfolger des 300 SL die Schönen und Reichen verzaubern sollte. Gerade erst auf dem Genfer Automobilsalon im Frühjahr 1963 vorgestellt, siegten der damalige Rallye-Europameister Eugen Böhringer / Klaus Kaiser im Sommer bei der Langstreckenrallye Spa - Sofia - Lüttich, bei der sie in 90 Stunden 5.500 Kilometer zurücklegen. Noch erfolgreicher im Rallyesport als die Pagoden der frühen 60er Jahre: die unverwüstlichen Heckflossen vom Typ 220 SE oder 300 SE.

In den 70er Jahren machten insbesondere die großen Mercedes-Limousinen auf den Rallyes von sich reden. Für zwei Mercedes 280 E der Baureihe W 123 gab es bei der Fahrt von London nach Sydney als längster Rallye der Welt einen Doppelsieg. Unter der Leitung von Mercedes-Ingenieur Erich Waxenberger starteten damals sechs werksunterstützte 280 E mit nicht viel mehr Modifikationen wie Rallyefahrwerk mit 35 Millimetern mehr Bodenfreiheit, Geländereifen und Sandblechen. Vier landen nach 30 Tagen und mehr als 30.000 Kilometern unter den ersten zehn von 69 Startern. Die Etappen: Mailand, Triest, Athen, Istanbul, Teheran, Kabul, Delhi, Madras, Singapur, Perth und Melbourne. Für die starken Beanspruchungen auf der Martertour wurden V8-Handschaltungen aus der 116er-Baureihe verbaut. Ebenfalls im Bordgepäck von Sieger Anthony Fowkes: Malaria-Medikamente, Insektenschutz, Wasseraufbereitungstabletten, Toilettenpapier und die englische Süßigkeit Kendal Mint Cake. Die Leitung hat kein Rennteam, sondern verschiedene Versuchsabteilungen aus dem Hause Daimler. Für die Marke mit dem Stern begann mit dem spektakulären Erfolg bei "London to Sydney" seinerzeit eine neue, wenn auch kurze Epoche des Rallye-Engagements. Dazu zählen insbesondere die Erfolge mit verschiedenen SLC-Modellen in Südamerika oder Afrika von 1978 bis 1980. So siegten die Stuttgarter bei der 29.000 Kilometer langen Südamerika-Rallye "Vuelta a la América del Sud" oder bei der 11. Bandama Rallye durch Hannu Mikkola / Arne Hertz auf einem Mercedes 450 SLC 5.0.